Die in Sumvitg geborene Künstlerin Evelina Cajacob (*1961), die heute in Malans und Chur lebt und arbeitet, ist bekannt für ihre raumbezogenen Installationen, poetischen Zeichnungen und Videoarbeiten, die eine fragile Bildwelt von schwebender Leichtigkeit schaffen . Nach einem Studium an der "Escola Massana" in Barcelona von 1988 bis 1993 entwickelte Cajacob eine vielseitige künstlerische Praxis, die intuitive Handarbeit mit unterschiedlichen Materialien verbindet. Ein wiederkehrendes Thema in Cajacobs Werk ist die Auseinandersetzung mit der Linie, die als roter Faden ihr multimediales Œuvre durchzieht und der Zeichnung neue Dimensionen verleiht. Sie lotet dabei Schnittstellen zwischen Bewegung, Wiederholung und Verdichtung aus und reflektiert über Vorstellungen von Zeit. Die Beschäftigung mit Stofflichkeit und Materialität ist ebenfalls prägend für ihre oft ambivalente und vergängliche Bildsprache. Ihre Werke wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, darunter im Bündner Kunstmuseum Chur und im Kunstmuseum Bochum, wo 2019/2020 eine umfassende Einzelausstellung mit dem Titel tanzen anders stattfand. Für ihr Schaffen wurde Cajacob mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kunstpreis der Südostschweiz Medien (2012) und dem Anerkennungspreis des Kantons Graubünden (2014). Ihre Kunst führt das Publikum in schwebender Leichtigkeit durch eine fragile Bildwelt, die das Elementare in den Fokus rückt und dabei auf emotionaler wie gedanklicher Ebene berührt.
Evelina Cajacob
Le petit Tuor und SeilTanz I, II, 2026
Standorte 6, 12 und 15 >zur Karte
Le petit Tuor
Ausgangspunkt meiner Arbeit ist das Büchlein Aide-mémoire du sommelier von Conrad Tuor (1914–2000), erschienen 1949 (dt. Ausgabe: Handbuch für Serviceangestellte). Tuor, ein Grossonkel von mir, wuchs in Sumvitg in einer Bauernfamilie auf, arbeitete sich als Kellner in Grandhotels hoch und wurde schliesslich Lehrer an der renommierten Hotelfachschule EHL in Lausanne. Sein Handbuch, weithin als «le petit Tuor» bekannt, galt über Jahrzehnte als Regelwerk des professionellen Service. Ich stiess durch Zufall auf das Buch – und war sofort fasziniert. Die Genauigkeit und Sorgfalt, die es auszeichnen, erinnerten mich an die Frauen meiner Familie. In einer Performance vollzieht meine Tochter die im Buch enthaltenen Skizzen zur Anordnung von Gedecken nach. Das Video wird in einer Endlosschleife gezeigt und macht Überliefertes sichtbar – und verwandelt es zugleich in etwas Neues. Die Videoinstallation ist im Fenster der Chesa Planet zu sehen.
Evelina Cajacob
le petit Tuor, 2026
Monitor, 32 Zoll, 16:9, Videoloop 25’, Sichtfolie, Text aus: «Aide-mémoire du sommelier» von Conrad Tuor
Laret, Fenster Via Maistra 119
Kunstwege | Vias d’art Pontresina 2026
SeilTanz
Pontresina ist seit dem 19. Jahrhundert vom Alpinismus geprägt. Britische Bergsteiger kamen hierher, um Erstbesteigungen zu wagen. Bis heute formt diese Geschichte den Ort. Die Arbeit greift das Thema Klettern auf und stellt das Seil ins Zentrum – als Mittel der Sicherung, der Verbindung und als wesentliches Werkzeug des Auf- und Abstiegs. Zugleich besitzt es eine eigene Qualität: Es schwingt, bewegt sich und beschreibt Linien im Raum. Aus einem realen Kletterseil entstehen zweidimensionale Objekte. Das flexible Material wird in flache Formen aus Chromstahl überführt. So erscheint das Seil verfremdet – seine Bewegung ist eingefroren, seine Funktion aufgehoben. Die spiegelnde Oberfläche reflektiert die Umgebung und bindet sie visuell ein. Die Objekte sind zu sehen an der Pforte des Museums Alpin sowie unter dem Bogen 1 bei der Eiskletterschlucht, Via Mulin.
Evelina Cajacob
SeilTanz I, 2026
Chromstahl poliert, 225 x152 cm, t 2 mm
Bogen 1, Via Mulin
Kunstwege | Vias d’art Pontresina 2026
Evelina Cajacob
SeilTanz II, 2026
Chromstahl poliert, 65 x 27 cm, t 2 mm
Pforte, Museum Alpin, Via Maistra 199
Kunstwege | Vias d’art Pontresina 2026