Der in New York, Wien und Berlin lebende Konzeptkünstler Christoph Draeger, 1965 in Zürich geboren, ist international für seine kritische Auseinandersetzung mit der medialen Darstellung von Katastrophen bekannt. Nach seinem Studium an der École Nationale Supérieure des Arts Visuels de la Cambre in Brüssel und der Schule für Gestaltung in Luzern zog er 1996 nach New York und begann, die mediale Bilderflut von technischen und natürlichen Katastrophen zu sammeln und zu bearbeiten. In seinen konzeptuellen Projekten, die Installationen, Videoarbeiten, Fotografie und Performances umfassen, nutzt Draeger den Bildkosmos aus den Massenmedien als Ausgangsmaterial. Dabei bewegt er sich bewusst im Spannungsfeld zwischen dokumentarischer und fiktionaler Darstellung, wobei er oft einen ironischen und parodistischen Unterton einsetzt. Ein wiederkehrendes Anliegen ist es, die Wirkungsweise medialer Bilder zu hinterfragen und die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung zu verwischen. Beispiele hierfür sind seine Serie Voyages apocalyptiques (1999/2000), in der er Orte aufsehenerregender Katastrophen fotografiert, oder die Installation Apocalypso Place (1999/2000), die ein verwüstetes Wohnzimmer als Schauplatz einer Sitcom präsentiert. Auch die Klimakrise thematisiert er in neueren Werkreihen wie Climate Crisis(2018-2024). Draegers Werke wurden weltweit in renommierten Institutionen ausgestellt, darunter das MoMA PS1 in New York, das Kunsthaus Zürich und das Centre Pompidou in Paris. Er nahm auch an der triennalen Ausstellung Kunstwege | Vias d'art in Pontresina teil, wo er 2020 das Werk La Reproduction Interdite zeigte. Für sein Schaffen erhielt er mehrere Auszeichnungen und Stipendien, darunter den Eidgenössischen Kunstpreis. In seiner künstlerischen Freiheit hinterfragt Draeger die Mechanismen der Katastrophenberichterstattung und regt dazu an, die Wahrnehmung von kollektiver Erinnerung neu zu bewerten.
Christoph Draeger
spatial concept (art for the space age) und Raumschiff | nav spaziel | astronave | spaceship, 2026
Standorte 11 und 13 >zur Karte
Under dr Brugg: concetto spaziale | spatial concept | concept spaziel
Diese Installation entstand im Nachdenken über Lucio Fontanas revolutionäre Malereien aus den 1960er Jahren Spatial Concept: grundierte Leinwände, verletzt durch vertikale Schnitte. In Pontresina wird ein mehrfach geschlitztes Bild zur Fahne, welche Christoph Draeger unter die Brücke der Via Maistra hängt.
Die weisse Fahne gilt im Krieg als Symbol der Kapitulation oder als Friedensangebot. Im Kontext der Ausstellung zwischen Bachbett und Betonbrücke bezeichnet diese weisse Flagge ein Angebot an die Natur, dass wir uns ergeben, Frieden schliessen wollen: eine Utopie, die der Künstler mit vielen, aber viel zu wenigen, teilt. Die Arbeit schliesst sich an die Installation La Réproduction Interdite an, welche vor dem Hotel Kronenhof für die Vias d’art anno 2020 entstanden ist: Damals hatte ein Bild von René Magritte eine Neuinterpretation erfahren.
Christoph Draeger
Under dr Brugg: concetto spaziale | spatial concept | concept spaziel, 2026
Fahnenstoff, geschlitzt, 348 x 278 cm
Brücke, Giandainskanal, Via Maistra 140
Kunstwege | Vias d’art Pontresina 2026
Raumschiff | nav spaziel | astronave | spaceship
Outdoor-Abenteuer sind ein wichtiger Bestandteil des touristischen Angebots im Engadin: Berg- und Eisklettern, Skitouren, Freeriden, Canyoning und River Rafting verlocken dazu, die eigenen Grenzen auszutesten. Dieser Nervenkitzel birgt jedoch auch Risiken: Jedes Jahr kommen Skifahrer und Snowboarder in Lawinen ums Leben, auch in der Schweiz ereigneten sich bereits tödliche Canyoning-Unfälle und auch beim River Rafting waren schon Todesopfer zu beklagen. Ein tragisches Unglück ereignete sich 1993 auf dem Inn bei Scuol, bei dem neun Menschen ums Leben kamen. Die Ova da Bernina, die Pontresinas Schlucht durchquert, mündet in den Flaz und wenige Kilometer flussabwärts in den Inn. Vom Aussichtspunkt aus betrachtet wirkt das Boot beinahe so, als würde es in dem 50 Meter tiefer liegenden Fluss treiben. Wie ein Geisterschiff schwebt es über dem Abgrund und erzeugt dabei ein surreales Gefühl der Instabilität.
Christoph Draeger
Raumschiff | nav spaziel | astronave | spaceship, 2026
Rafting Boot, Unterkonstruktion, Stahlseile, Lichtquelle, 90 kg,
470 x 200 x 45 cm
Pool Ova da Bernina, Schlucht
Kunstwege | Vias d’art Pontresina 2026
Hinweis zu Christoph Draegers Arbeiten an den Kunstwegen| Vias d'art Pontresina 2020
Christoph Draeger La Reproduction Interdite, 2020 Digitaldruck auf Neobond-Spiegel, Holzstaffelei, 150 x 65 x 55 cm Ehrenhof, Hotel Kronenhof Kunstwege | Vias d' art Pontresina 2020
https://christophdraeger.com/projects/objects/la-reproduction-interdite
Christoph Draeger A Proposal for Pontresina: Another Point of View, 2020 Gravur auf Felsbrocken, 25 x 80 cm Einfahrt Tiefgarage Hotel Walther Kunstwege | Vias d' art Pontresina 2020
"Under dr Brugg: Spatial Concept, Waiting" Die Installation "Under dr Brugg: Spatial Concept, Waiting" ist eine Hommage an Lucio Fontana, den Begründer des Spatialismus. Es ist eine Neuinterpretation seiner revolutionären Malerei "Spatial Concept, Waiting" von 1960: eine weissgrundierte Leinwand mit zwölf vertikalen Schnitten. In Pontresina wird diese Arbeit zur Fahne, unter die Brücke der Via Maistra gehängt. Der erste Teil des Titels, Under dr Brugg, ist eine Verortung, bezieht sich aber auch auf das gleichnamige Album des Churer Liedermachers Walter Lietha. Die weisse Fahne galt im Krieg als Symbol der Kapitulation und ist nicht nur ein Aufgabe, sondern auch ein Friedensangebot. Im Kontext der Ausstellung und zwischen Bachbett und Betonbrücke bezeichnet diese weisse Flagge ein Angebot an die Natur, dass wir uns ergeben, und Frieden schliessen wollen. Jahrhunderte lang wurde die Natur bedrängt, domestiziert, für menschliche Zwecke ausgenutzt, zerstört. Als Konsequenz bedroht uns der Klimawandel und seine katastrophalen Folgen. Brienz ist nur ein naheliegenden Beispiel von unzähligen. Diese Flagge, etwas verschämt unter den (Beton) Deckel gehängt, fürs Publikum kaum sichtbar, soll wenigsten den Wildbach aus den Bergen, der bei schweren Niederschlägen kanalisiert unter der Brücke durchrast, besänftigen. Da Fahnen oft Löcher aufweisen, damit sie nicht vom Wind zerfleddert werden, kommen die Schlitze der Originalmalerei gerade recht. Fontanas Eingriff auf die weisse Fläche zielte darauf ab, die Kunst von den Beschränkungen der Zweidimensionalität zu befreien und den Betrachter dazu anzuregen, den Raum als etwas Fließendes zu begreifen. Das in die Leinwand geschnittene Loch symbolisiert den Zugang zum Unbestimmten und ermutigt die Besucher zu einer Reise durch Raum und Zeit. In Fontanas Sprache übersetzt, implizieren die Löcher "eine dynamische Ebene der Realität, die über die Leinwand hinausgeht". Fontanas Verwendung von Schnitten in der Leinwand ist nicht nur ein Mittel, die Oberfläche der Leinwand zu (zer)stören, sondern auch eine Metapher für das Überschreiten der Grenzen traditioneller Kunstmethoden. Durch das Schlitzen der Leinwand verwischt Fontana die Grenzen zwischen Kunstwerk und umgebendem Raum und lädt die Betrachter ein, mit der Leere jenseits der Oberfläche zu interagieren und über die Möglichkeiten des Universums nachzudenken. Im öffentlichen Raum ist diese Leere allerdings auch die Flucht des Bachbetts in die Berge weisend, aus dem Dorf in die Natur hinaus. Das im Titel enthaltene "Waiting (Warten)" unterstreicht die Symbolik des Werks und weckt die Erwartung dessen, was sich auf der Rückseite befindet. Er erzeugt den Eindruck einer Vorahnung, als ob das Kunstwerk im Begriff wäre, eine tiefe Wahrheit über das Geheimnis des Lebens zu enthüllen. Tatsächlich bietet "Spatial Concept, Waiting" die Möglichkeit, die Welt zwischen Realität und Fantasie zu erfahren, über die Geheimnisse des Universums und die unendlichen Fähigkeiten des menschlichen Geistes nachzudenken. Dazu im Kontrast kann hier in Pontresina das Warten auch als Warten auf das nächste Hochwasser, den nächsten Bergsturz, die nächste Lawine interpretiert werden. Die weisse Flagge, Zeichen unserer Bereitschaft zum Frieden, ist der ohnmächtige Versuch, dieses Ereignis nicht eintreffen zu lassen. Diese neue Arbeit schliesst sich als weitere Neuinterpretation einer Malerei der Moderne nahtlos an die Installation "La Réproduction Interdite" an, welche vor dem Hotel Kronenhof für die Vias d'Art anno 2020 entstanden ist. Damals hat ein Bild von1937 des surrealistischen Malers Rene Magritte eine Neuinterpretation erfahren, 2026 könnte es ein Bild des italienischen Malers und Arte Povera Protagonisten Lucio Fontana sein.